Thomas Schröer
Fotografie

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06.04.2022

Point of Departure (Deutsch / English)

A. Deutsch
Heute mal ein kurzer Beitrag mit Überlegungen, auf die ich vor einiger Zeit gestoßen bin. Die Überlegungen sind nicht neu und auch nicht von mir. Sie sind aber gleichwohl spannend und inspirierend. Und selbst, wenn man die Thematik kennt, ist es gut, sie sich gelegentlich in Erinnerung zu rufen. Es geht um den „Point of departure“, den der amerikanische Fotograf Ralph Gibson geprägt hat. Point of Departure wörtlich übersetzt mein „Abfahrtspunkt“ bzw. „Startpunkt“.
Worum geht es beim point of departure?
Ralph Gibson, Jahrgang 1939, war nach seiner Schulzeit vier Jahre bei der US Marine im Fotolabor tätig, hat anschließend Fotografie studiert und wurde Assistent der Fotografin Dorthea Lange. Diese bat ihn einmal, ihr seine Aufnahmen bzw. seine Mappe zu zeigen, was er gerne tat. Nach dem Betrachten seiner Aufnahmen sagte sie zu ihm: „Ich sehe Dein Problem, Du hast keinen point of departure.“ „Das ist richtig“, sagte Gibson, „Was ist ein point of departure?“
Sie sagte daraufhin: „Wenn Du in die Drogerie gehst und nach Zahnpasta schaust, wirst Du vielleicht mit einer Serie von Zahnpasta-Fotos nach Hause kommen. Gehst Du einfach nur so los ohne Ziel, wirst Du mit diesem oder jenem an Bildern nach Hause kommen, aber nichts Zusammenhängendes.“
Beim „point of departure“ geht es also darum, für seine Fotos ein spezielles Konzept zu entwickeln bzw. Ideen für ein Projekt und nicht wahl- und ziellos zu fotografieren. Oder wie Albert Watson sagt: „preparation, preparation, preparation“ (Vorbereitung, Vorbereitung, Vorbereitung). Sei Dir bewusst, was Du wie fotografieren willst in Deinem Konzept und handle entsprechend!
Vielleicht ist es interessant, einfach loszulaufen und „spontan“ Bilder zu machen; es hilft aber nicht dabei, sich als Fotograf weiter zu enwickeln. Viele sagen: „Ich möchte mir meine Spontanität, die Kreativität der Situation bewahren.“ Das kann man machen, wenn man Mozart ist und ein Requiem an einem Nachmittag schreibt. Das Problem ist, dass die wenigsten (mich eingeschlossen) eben nicht Mozart sind. Und da hilft eben nur Planung.
In der heutigen Zeit mit modernen Kameras ist es überhaupt kein Problem ein technisch einwandfreies Bild zu machen. Gerade mit der digitalen Fotografie geht es überhaupt nicht mehr darum, „wie“ wir fotografieren, sondern „was“ wir fotografieren. Das Fotosubjekt rückt noch mehr in den Vordergrund als zu analogen Zeiten. Es geht um unsere Beziehung und Einstellung zu dem „Fotosubjekt“ und um den Ausdruck, welche das Bild stark machen. Es geht also um das Bild selbst. Wie fülle ich das Viereck, das mir Sucher und Sensor vorgeben, für den Betrachter spannend.
Jeder große Fotograf hat eine einzigartige Sicht und betrachtet sein Fotoobjekt unterschiedlich. Und sie halten auf Ihren Bildern das fest, was und wie SIE wie sehen. Warum können wir das nicht auch? Wir müssen also wollen, dass unsere Bilder eben nicht in die Massenware anderer Bilder einreihen, sondern anders aussehen als andere Bilder. Eben unsere einzigartige Sicht wiedergeben. Das ist zwar einfacher gesagt als getan, die Ergebnisse werden aber für sich sprechen.
Wenn es eine Idee zu dem Foto gibt und sie unsere einzigartige Sicht darstellen und wir wissen, warum wir dieses Foto genauso aufgenommen haben, macht es wenig Sinn, auf Kritiker und deren Meinung zu hören. Denn sie haben ihre eigene Sicht auf dieses Subjekt und ihre eigenen Vorstellungen. Aber sie wissen nicht, warum wir selbst dieses Foto für wichtig halten. Wenn man also auf Kritiker hört, so Ralph Gibson, lernt man wenig über seine eigene Arbeit und seinen eigenen Weg. Man sollte nicht der Sklave der Kritiker sein, denn dann wären wir am Ende reine Auftragsfotografen. Eine Ausnahme würde ich machen, wenn man noch in einer Lernphase ist und auf der Suche nach seiner eigenen Sicht und seinem eigenen Weg ist. Aber auch hier sollten wir streng reflektieren, was die Kritik ist und ob man dieser folgen möchte. Es ist wichtig, selbst inspiriert zu sein, um seinen eigenen Weg gehen zu können.
Mit diesen Gedanken wünsche ich Euch eine schöne Zeit!

B. English
Today a short contribution with thoughts that I came across some time ago. The thoughts are not new and not mine. But they are nevertheless exciting and inspiring. And even if you know the topic, it's good to remind yourself of it from time to time. It's about the "point of departure", coined by the American photographer Ralph Gibson. Point of departure literally means "starting point".
What is the point of departure about?
Ralph Gibson, born in 1939, worked for four years in the US Navy in the photo lab after his school days, then studied photography and became an assistant to the photographer Dorthea Lange. She once asked him to show her his photographs or his portfolio, which he gladly did. After looking at his photographs, she said to him, "I see your problem, you don't have a point of departure." "That's right," Gibson said, "What is a point of departure?"
She then said, "If you go to the drugstore and look for toothpaste, you might come home with a series of toothpaste photos. If you just go without a destination, you'll come home with this or that set of pictures, but nothing coherent."
So "point of departure" is about developing a specific concept for your photos, or ideas for a project, rather than taking photos randomly and aimlessly. Or as Albert Watson says: "preparation, preparation, preparation". Be aware of what you want to photograph and how in your concept and act accordingly!
Maybe it's interesting to just run off and take pictures "spontaneously"; but it doesn't help to develop as a photographer. Many say, "I want to keep my spontaneity, the creativity of the situation." You can do that if you are Mozart writing a requiem in an afternoon. The problem is that very few people (myself included) are not Mozart. And planning is the only thing that helps.
Nowadays, with modern cameras, it's no problem at all to take a technically perfect picture. Especially with digital photography, it is no longer a question of "how" we take pictures, but "what" we take pictures of. The subject of the photo comes even more to the fore than in analogue times. It is about our relationship and attitude to the "photo subject" and about the expression that makes the image strong. So it's about the image itself. How do I fill the square given to me by the viewfinder and sensor in a way that is exciting for the viewer.
Every great photographer has a unique view of his photographic object. And they capture in their pictures what THEY see and how. Why can't we do the same? So we have to want our pictures to be different from the mass-produced pictures of others, to look different from other pictures. They have to reflect our unique point of view. This is easier said than done, but the results will speak for themselves.
If there is an idea about the photo and they represent our unique view and we know why we took this photo exactly the way we did, there is little point in listening to critics and their opinions. Because they have their own view of this subject and their own ideas. But they don't know why we ourselves think this photo is important. So when you listen to critics, says Ralph Gibson, you learn little about your own work and your own way. You shouldn't be the slave of the critics, because then we would end up being purely commissioned photographers. I would make an exception if one is still in a learning phase and in search of one's own vision and path. But again, we should strictly reflect on what the critique is and whether one wants to follow it. It is important to be inspired oneself to be able to go one's own way.
With these thoughts, I wish you a wonderful time!



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